Vor der Fahrt

 

Die Koffer sollten allmählich gepackt sein.
Und beim Blick nach draußen sehe ich die Blätter fallen.
Wie jedes Jahr.
Wie jedes Jahr geht es weiter,
sie fallen, kompostieren.
Compostez vos billets
Entwerten Sie Ihre Fahrscheine.
Am Zug stehen
Fliegen.
Eine Träne für dich, eine Träne für mich.
Welches ist unser Zug? Die Abfahrtszeit rückt näher.
Einchecken, die Tickets vor der Fahrt entwerten,
Immer vor der Fahrt.
Ich reise nicht so gerne,
sie reist immer gerne.
Manche reisen immer.
Manche sterben zuhause. Ohne Abschied.

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Ein Wunder

Letzte Woche habe ich Fleisch gegessen.
Rot wie tot. In der Pfanne.
Es ziemt sich nicht, hinzuschauen, wenn Fett langsam
aus Gliedmaßen herausläuft,
in der Pfanne eine Lache bildet und Blasen schlägt.
Ich lebe noch.
Ein Wunder – ist das nicht sonderbar, dass man
es auch anders bezeichnen kann.
Worte schlagen alles tot. Ohne und mit Blut, ohne und mit Axt, ohne und mit Haaren.

Schlamau, der Sturm

5.10.2017

Liebe G.

Zwischenzeitlich gab es tatsächlich den angekündigten Sturm. D.h. er ist noch nicht überstanden, aber ich glaube, die stärksten Böen sind vorüber ohne größeren Schaden anzurichten.
Alle fünf restlichen Quitten wurden gnadenlos abgeschüttelt. Sieben Quitten mit einem Gesamtgewicht von 1,8 kg besitzen wir nun.
Die Birken wankten und ächzten, das hat mich doch sehr an La Palma erinnert. Der Garten liegt jetzt wieder übersät mit Birkenblättern. Das hat mich an letztes Jahr erinnert, wo ich sie zusammengerecht hab und anschließend drei Monate lang mit meinem rechten Ellbogen Probleme hatte. Es ist schon ein beeindruckendes Bild, wenn solche mächtigen Bäume sich dermaßen ausladend bewegen und dazu noch schnell, die langen und biegsamen Äste flogen dann wie Peitschengerten durch die Luft. Als ich die Quitten aufsammelte, musste ich mich ja in die Nähe der Birken begeben und da hatte ich ein etwas mulmiges Gefühl.
Aber auch die Tannen oder Fichten bei Kaisers auf dem Grundstück. Die stehen ja recht dicht und man denkt zunächst, die sind etwas geschützt. Aber nein, es sah aus, als wollten sie gerade davonlaufen.
Ebenso die beiden großen Fichten auf unserem Grundstück. Die sahen aus wie wildgewordene Tänzerinnen, warfen vor allem die unteren großen Äste links und rechts, nach vorn nach hinten durch die Gegend, wie fliegende Röcke, immer wieder und wieder.
Der Sturm an sich war gar nicht so beeindruckend. Das habe ich ja selbst hier schon öfter erlebt. Aber in der ersten Stunde gab es immer wieder zwischendurch Böen, die aus der Richtung Kollins Bude kamen, erst die Fichten schüttelten und dann vor der Terrasse entlang fuhren, die beiden übrigen Tujas bogen sich, schüttelten sich, die Blumen in den Beeten standen fast waagrecht und es ist fast ein Wunder, dass nichts herausgerissen wurde. Da hätte ich nicht auf einem Segelboot übers Meer fahren wollen

Einzig die „Vase” mit den kleinen rosa Astern auf dem Tischchen neben dem Küchenfenster wurde herunter geschleudert, die kleinen Asterchen lagen hinten am Kloeingang bei den Schuhen, die Vase ging wunderbarerweise nicht zu Bruch. Aber die Gartenschuhe, so unschuldig unter der Bank vor dem Küchenfenster, sie blieben an Ort und Stelle. Nur beim Rausgehen die Tür, die musste ich mit aller Kraft festhalten, damit sie mir nicht aus den Händen gerissen wurde.
Die Fichten sehen nun seltsamerweise etwas gerupft aus. Es ist kein einziger Ast abgebrochen, aber irgendwie kann man jetzt im unteren Viertel fast durchgucken. Bei der blauen Fichte genauso. Vielleicht legt sich das wieder.
In der Stunde, in der die Böen so stark waren, flog alles mögliche an Blättern und kleinen Zweigen durch die Luft. Ich sah Ahornblätter, Eichenblätter und habe mich gewundert, wo die wohl herkamen. Alles flog waagerecht. Die Wolken sausten mit großer Geschwindigkeit über den Himmel, und da sie sehr tief hingen, konnte man die Geschwindigkeit fast fühlen. Alles in allem sehr beeindruckende drei Stunden.
Ich war froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und mich hinter dichten Türen und Fenstern zu befinden. Nicht so wie damals in Stiefenhofers Haus, erinnerst du dich, was da alles durch die Ritzen herein gedrückt wurde, die Blätter, das Wasser auch. Der Sturm, der an allen Türen und Fenstern rüttelte, so dass wir Angst hatten, etwas könnte zu Bruch gehen und der Sturm ins Haus herein fegen. Nein, hier ist alles sehr fest und nur einmal, gleich anfangs als ich noch am Schreibtisch saß, hatte ich das Gefühl, die Luft poltere sozusagen gegen mein großes Fenster und schüttele es ein wenig.
Geregnet hat es hier fast gar nicht, paar Tropfen. Nun ist wohl der gröbste Sturm vorüber, nur noch einzelne Böen fahren durch die Gegend und erinnern an die Kraft der Lüfte. Aber immerhin waren es fast drei Stunden wilde Bewegungen. Hinten in Richtung Görzke, da wo immer das Wetter herkommt, klart es bereits wieder etwas auf. Auf der gegenüberliegenden Seite, hinter dem charakterlosen Neubau der Birkenwald leuchtet wunderschön gelb in der Abendsonne. Die Wolken sind in der Zeit, in der dies aufgeschrieben habe, nahezu weggetrieben worden und der Abendhimmel wird wunderschön klar.
Ich habe mich vorhin dann entschieden, nicht nach Berlin zu fahren. Will doch einerseits sehen, was der Abend noch bringt. Am Nachmittag gab es übrigens mal wieder einen, wenn auch nur ganz kurzen, Stromausfall. Als ich im Getöse wieder reinkam, wollte ich gerade Teewasser anschalten, als mir auffiel,  dass die Lichter nicht gingen. Am Sicherungskasten gab es nichts auffälliges und als ich mit der Taschenlampe den Zähler anleuchtete, hörte ich das leise Surren. Der Strom war wieder da.
So, bestimmt habe ich das eine oder andere noch vergessen, aber ich wollte das Getöse, dieses Naturereignisses einfach mal für die Nachwelt festhalten.

Tagebuch Schlamau 17 10 02

2.10.2017

Lieber A.

Landleben I
Hier tropft es allenthalben, glitzernde Wasserperlen hängen an Zweigen, Ästen, Blättern.
Die Blätter beginnen zu fallen. Kein Wunder heißt Herbst auf Englisch „Fall”. Gar nicht so dumm, die Engländer.
Auf unserem Nachbargrundstück baggert es gewaltig, weil die Nachbarn, die mit dem überbauten Wohnwagen und den kläffenden Hunden, genau, die vor einem halben Jahr weggezogen sind (endlich), ihr Grundstück per Anwalt an eine Baufirma überschrieben haben, zum Verkaufen natürlich, und die nun will zwei Einfamilienhäuser draufstellen, die Anzeige gibt es schon in IMMO24 … Puh. Nun müssen die Verkäufer das Grundstück räumen, diesen ganzen Müll kann man niemand zu besichtigen zumuten.
Ich weiß nicht ob ich dir schon erzählte, dass wir seit drei Monaten nun schon das „alte” Auto von Gilas Bruder haben. Also, nun beweglich. Alles eigen: Auto, Haus, Eigentumswohnung, Computer, Akkordeon, Fahrrad. Meine Güte, was für ein Leben, nur die Einkünfte, an denen hapert es gewaltig. Dafür haben wir, wie gesagt, viele Kartoffeln geerntet, viel Porree, Salat, leider nur einen einzigen Apfel, weil die Blüten letzten April bei dem gewaltigen Nach-Frost alle das Zeitliche gesegnet haben.
Nee, ich kann wirklich nicht klagen. Bin jetzt die meiste Zeit hier draußen und wenn ich in Berlin bin, spüre ich die Distanz, die immer größer wird,
(„wie, das soll meine Stadt sein, meine Wohngegend, meine Markthalle, meine Straße, diese ganzen jungen Leute, die die Infrastruktur verstopfen, englisch reden, schwedisch, italienisch, französisch, die sich einen kalten Kehricht um die Geschichte der letzten vierzig Jahre scheren, wenn sie ihren Latte macchiato bekommen und ihre Bio-Äpfel? Das soll das Fazit sein von vierzig Jahre Heimat? Oh, Oh, Oh!“)
Autsch.
Ja, ich weiß, man redet sich ja immer alles so zurecht, wie man es gerade braucht.

Stadt-Land-Connection
Es gibt hier in Klein-Glien ein paar junge Leute aus Berlin, genauer gesagt, ein Pärchen, die haben einen alten Gutshof gepachtet, riesig, der bereits seit einigen Jahren von einem Verein zum Hotel und Restaurant ausgebaut worden war, aber überhaupt nicht lief.
Das Pärchen mit Kind, ich schätze die Eltern, sie Engländerin, er Berliner, sind so um die 35, hat schon in Berlin immer bei irgendeinem social-media-festival mitgemischt, die beiden sind äußerst sympathisch, offen, neugierig, unvoreingenommen und abenteuerlustig. Jedenfalls haben sie die Idee des share-office, digitale Arbeitsplätze auf Zeit also (es gibt da auch so ein Fabrikgebäude mit mehreren Etagen an der Ecke Prinzessinenstraße(Moritzplatz, neben den Prinzessinengärten), auf das Land auszudehnen. Es gibt nun in dem Hotel Gut Klein-Glien Einzel- und Mehrbettenzimmer, und viele Einzelarbeitsplätze, wo du dein Laptop anschließen und ins Internet gehen kannst, wo du gleich- oder so-ähnlichgesinnte treffen kannst bei den gemeinsamen Mahlzeiten, wo du auch draußen auf dem Hof diverse Arbeitsplätze einnehmen kannst, wo du spazieren gehen kannst, es ists hervorragend und sie sind seit April zugange und schon gut gebucht. Am Samstag und Sonntag gibt es im Gaststättenraum öffentlichen Zugang mit Cafè und Kuchen, Drinks. Jetzt am Sonnabend war ich mit Gila zum Apfelfest da. Viel sehr angenehme Improvisation, Leute wie du und ich, Kreuzberger, Berliner, Junge Digitale Szene, Trödelklamotten, Leute, die hier in der Gegend auf dem Land leben, also eher ältere Semester, alles durchmischte sich und eine Freundin von denen hatte einen Apfelkuchenwettbewerb ausgeschrieben, wo es dann neun verschiedene Apfelkuchen gab und man hat sie immer in Gruppen probiert, es wurde moderiert, über die Apfelkuchen geredet, du hattest sofort Kontakt zu Leuten, viele Kinder, und gleichwohl keine PrenzlauerBergAtmo oder neuerdings KreuzbergAtmo (ja, zwischen Lausitzer Platz, Mariannenplatz, Waldemarstr und Wrangelstr. häufen sich die Kinderwagen von Woche zu Woche).

Landleben II
Vor einer Woche war ich hier Zeuge der Landwirtschaflichen Produktions Industrie Departement Mais. Gewaltige Maschinen auf den fast unüberblickbaren mit Mais angebauten Flächen, die den Mais in einer Breite von ca. 15 metern auf einen Zug abschneiden, häckseln und über lange dicke Rohre oben herausblasen, direkt in die Sattelschlepper, die gleich in Zweierreihen nebenher fahren, damit, wenn der eine voll ist, gleich der nächste aufschließen kann. Jeden Tag, drei Tage lang, fuhren hier dies Sattelschlepper oder Riesentraktoren mit Riesenanhängern durchs Dorf. Ich hab ein paar Fotos gemacht. Irrsinn. Und das aberwitzigste war: da stand immer ein Geländewagen mit rotbewestetem Menschen, wo ich mich nach einer Stunde aus dreihundert Meter Entfernung das Ganze beobachtend gefragt habe, was der eigentlich macht, bis er schließlich seine Flinte anlegte und irgendein Reh erschoss, das aus dem Mais heraus flüchtete. Abends im Dorf wurde erzählt, dass dieser Jagdpächter das immer macht und er „gestern und heute schon fünf oder sechs Wildschweine auf diese Weise erlegte”. Nun ja, was sagt man da als alter Kreuzberger…?

Landleben III
Erschütternd war etwas, dass hier in Schlamau, als Ortsteil von Wiesenburg gab es eine genaue Auflistung der Stimmen, bei den Wahlen es exakt 128 Stimmberechtigte gab, von denen 80 ihre Stimme abgaben, 78 davon gültig, und davon waren
4 für die Grünen,
6 für die NPD,
14 für die AfD,
12 für die Linke,
0 für die FDP,
23 für CDU,
14 SPD,
1 Freie Wähler,
2 PIRATEN,
2 Tierschutzpartei.
Also von 78 gehen 20 an Braun, 20 an relativ links (Grün, Linke, Piraten, Tierschutz) und 38 für die klägliche Mitte.
Ich glaube übrigens nach dem Beobachten diverser Talkrunden etc. auch, dass Jamaica einen gewissen Ausschluss der Ostbevölkerung bedeutet und für die Leute in den zunächst ausgebeuteten und dann vernachlässigten Gebieten es keine rechte Vertretung gibt. Das ist auch die Stimmung hier in der Kneipe. Was erwarten die von Merkel Lindner und Özdamar oder Göhring-Eckhart? Warum sie allerdings nicht die Linke wählen, das konnte mir keiner sagen, ich vermute aber, es liegt immer noch an der Angst vor der Vergangenheit.
Schwierig. Die Nachbarschaft ist trotzdem sehr gut.
A., ich hoffe, dir geht es gut. Ich komme nächstes Wochenende nach Berlin, bzw. Wahrscheinlich erst Sonntag Nachmittag und bin dann drei oder vier Tage da. Vielleicht können wir uns mal auf ein After-Work-Getränk treffen oder besuchen.
Bis die Tage
Reiner

Tagebuch Schlamau 17 09 24

24.9.2017

Landleben I
Es wird allmählich, aber wirklich ganz allmählich immer frischer. Wenn ich aufstehe, herrschen maximal 17 Grad vor, in der Bude wohlgemerkt. Draußen ist es nieselig, unwirtlich, die Nebel stehen heute zum ersten Mal diesen Herbst über dem Wald, die Spitzen der Bäume wirken wie verwischt in das monochrome Weißgrau des Himmels. Ich habe das Gefühl, irgendetwas zieht sich zurück. Das Lebendige vielleicht weicht der Starre, das Gewusel des Lebens verlangsamt sich und igelt sich ein: unter der Erde, hinter der Borke der Bäume, in den Furchen der nackten Äcker, unter den Blättern, die hie und da bereits auf dem Boden liegen und sich ihrem Moderschicksal ergeben.
Starre Stimmung steht in steifer Stille stumm.
Dies ist ein Sonntagmorgen, G. noch im Bett. Gerade frage ich mich mal wieder, wo denn bloß die Zeit hin ist. Vor zwei Stunden, bereits um sieben bin ich aufgestanden, nun ist es neun, und nichts hat sich draußen verändert.

Landleben II
Gestern haben wir eine schöne Wanderung gemacht. Benkener Weg Richtung Schmerwitz, vorbei an den Apfelbäumchen durch die Heckenallee auf den Arensnester Weg, viel Feldsteinpflaster, am Waldrand entlang bis zum Feuerturm schräg durch den Wald, ein sehr schöner Wald übrigens, kurz vor der großen Allee Richtung Steindorf nach rechts abgebogen, auf einem Pfad entlang sortiert aufgeschichteter Steinwälle und -bänke, dem Regenbogensymbol von Burkhard vom Lübnitzer Hof folgend bis nach Lübnitz, wo wir gegen 13:20 ankamen, eigentlich zu spät zum Einkaufen, aber ausgerechnet heute war offener Hoftag, also Kaffee und Kuchen, Käse einkaufen, Brötchen auch, und dann noch eine ausführliche Hofführung mit Birgit. Wir waren glücklich.

Kultur
Am Abend waren wir dann noch auf ein Stündchen bei CoCoNat in Klein Glien. Das Hofgut wird seit Ende April neu belebt. Eine Gruppe von jungen Menschen haucht dem verlassenen Ort neues Leben ein. Als wir ankommen ist die Dämmerung schon weit fortgeschritten, aber man erkennt im Hof doch noch den Springbrunnen und eine Badewanne an langen Seilen, die wie eine Schaukel an einem großen Baum angebracht ist. Retreat steht darüber geschrieben mit symphatischer krakeliger Handschrift auf einem Brett. Drinnen ein großer Schankraum, alles alt, sehr gut erhalten, viel Holz, nicht zu dicht stehende Tische, alles großzügig und doch heimelig. Die Wirtin Jullianne, Engländerin, spricht gutes Deutsch, eine Gruppe von Menschen isst im Nebenraum, der von der riesigen Eingangshalle abgeht, an einem riesig langen Tisch. Julianne bedient uns gemächlich aber nicht langsam, erklärt viel, ist kommunikativ, die Menschen, die ich sehe, sind alle unter dreißig.
Das Konzept des Hauses ist einleuchtend. Großes Haus, vierzig Übernachtungsmöglichkeiten, Einzelarbeitsräume, Gruppenarbeitsräume, Freizeitaktivitäten, Faulenzen, Spazierengehen usw. Zielpublikum sind sogenannte DigitalArbeiter und -Arbeiterinnen. CocoNat-Space (Communication Cooperation Nature) will Leuten, die vornehmlich von zuhause aus mit ihren Computern und viel im Internet arbeiten, eine Gelegenheit geben, gleichzeitig Urlaub von der Stadt zu machen und draußen zu sein. So haben sie zum Beispiel neben kleinen abgeschottete auch große Arbeitsplätze und sogenannte Freiluft-Arbeitsplätze oder individuell plazierbare Schreibtische in den Schlafzimmern, alles unter dem Stichwort Flexibilität, nichts ist festgelegt, alles kann verändert werden, raus aus den Mietskasernen, den Hochhäusern und rein ins Grüne. Und es ergibt sich  für alle die Gelegenheit, andere Leute kennenzulernen, andere Arbeitsweisen, sich gegenseitig zu befruchten, Kontakte zu knüpfen mit Menschen, die ähnlich arbeiten und doch anders – und vor allem: Zeit dafür zu haben und auch mal zwischendurch einen Spaziergang zu machen oder eine Runde Tischtennis zu spielen. Das Klientel kommt überwiegend aus Berlin ist aber auch international und aus anderen deutschen Bundesländern.
coconat-space.com:
Viele Menschen müssen im Urlaub arbeiten, Emails checken, Anrufe entgegen nehmen. Das Konzept des „Workation“ stellt die ganze Sache auf den Kopf: man fährt in einen entlegenen Ort, um dort in Ruhe arbeiten zu können. Dieses Angebot macht Julianne Becker mit dem Coconat-Projekt außerhalb von Berlin.
Ein schönes Kommunikationsinstrument habe ich dabei kennengelernt. Es gibt eine Wand, an der quer einige Wäscheleinen gespannt sind. Es gibt Kärtchen, die mit sehr kleinen Klammern an die Leinen/Drähte gehängt werden. Auf den Kärtchen ist ein Foto eingedruckt und der Name der Person. Dann gibt es ein Feld für Angaben, in welchem Bereich der oder die jeweilige arbeitet und ein Feld, in dem steht, auf welche Themen die Person ansprechbar und evtl. kompetent ist. Eine sehr schöne Idee: Sprich mich an auf…. Die Felder werden per Hand ausgefüllt.
Als wir nachhause fuhren, regnete es in Strömen..

Mit den besten Grüßen
Reiner

Tagebuch Schlamau 17 09 09

8.9.2017
Hallo A.

lang ist es her. Hier nun der neueste Tratsch.
Verwandtschaft 1
Gilas Schwester geht es sauschlecht. Gila ist schon wieder in Frankfurt, um ihr beizustehen. Innerhalb eines Jahres einen Menschen so zerfallen zu sehen, immer schwankend zwischen Hoffnung und Verzweiflung, ist nicht schön – obwohl wir noch relativ Abstand haben.

Verwandtschaft 2
Meine Mutter wird immer vergesslicher. Die sogenannte Altersdemenz zehrt an ihr, obschon sie, wenn man mit ihr telefoniert, immer gut drauf ist. Sie hat den Umzug ins betreute Wohnen gemeistert und ist zufrieden. Noch kennt sie mich… Ich war ja nun dieses Jahr auch schon wieder vier oder fünfmal da unten. Die Deutsche Bahn verdient mit…

Landleben
Schlamau entwickelt sich. Das Grillfest war nicht besonders, es war kalt und nieselig, so dass die Lust, bis in die Puppen draußen zu sitzen und zu essen, zu trinken und mit den Nachbarn (hier sind ja alle Nachbarn) zu plaudern, sich in engen Grenzen hielt. So oder so, ich entferne mich innerlich von der Wrangel und dem Kiez hier, auch wenn ich gerne in unserer Wohnung bin, sie ist einfach gut.
Wir haben jetzt ein Auto, Gilas Bruder hat uns seinen alten Passat, bequem, BJ 1996 aber erst 100.000 km sehr gut in Schuss, geschenkt.
40 kg Kartoffeln haben wir geerntet viele Stangen Lauch, Kohlrabi, Weißkohl. ES entwickelt sich.
Von der neuen Terrasse hast du sicher schon gehört. Die ist zwar noch nicht 100%ig fertig, aber inzwischen habe ich noch die Elektrizität erweitert, es gibt nun ein Außenlicht, in der Scheune Strom und ebenso in Gilas Hütte, die diese Saison doch immerhin von 4 bis 5 Gästen und auch von Gila für ihren Mittagsschlaf genutzt wurde.

Wrangel
Nachdem die Vermietung von Mai bis Ende Juli sehr gut gelaufen ist, haben wir jetzt wieder einen Untermieter, diesmal einen jungen Mann, der ein Praktikum beim BMinJustiz macht. Bis Ende November wird er hier sein, wenn er es sich unterwegs nicht anders überlegt. Das tut unseren Finanzen recht wohl, mein Zimmer steht inzwischen geschätzt 80% ungenutzt herum, eine Schande, Gila ist weitaus öfter hier, aber die Wohnung verkraftet zwei Menschen, die als Zweckwohngemeinschaft zusammen hausen. Zumal Gila auch oft weg ist.

Kultur
Heute Abend um kurz vor halb elf kommt der Pate, auf 3Sat. Ebenfalls morgen und übermorgen die weiteren Folgen. Von einem Herrn John Julius Norwich gibt es eine neue Geschichte Siziliens. Habe eben die Nachricht von der VOEBB bekommen, dass ich es auf meinen Tolino herunterladen kann. 528 Seiten oder so, ziemlich lesbar geschrieben. Ich dachte, das interessiert dich vielleicht, da du doch inzwischen auch ein wenig Sizilophil bist – oder. In den 19hundertachtziger Jahren waren Gila und ich unzählige Male auf Sizilien, wandern, weilen, aber auch viel auf den Äolen, vor allem Lipari und noch vor allem Stromboli. Dort ist auch Theater Strahl „gezeugt“, worden, entfacht von den äolischen Winden und dem wunderbaren Etna.

Und nun zum Wetter.
O je. Ein Sommer zum Davonlaufen…

Sei mir lieb gegrüßt.
Reiner

Trauer 240

Trauer 240

Wieder ein neuer Tag.

240 Einschlafvorhänge,

240 Aufwachfilme,

240 Verlusterneuerungen.

240 Mal dieses VORBEI und AUS und NIEMEHR (sag niemals nie; so ist dies also eine, wenn nicht die einzige Situation, auf die es zutrifft), seit 10.6.2016, als mich der Schmerz traf und mein Hirn aussetzte und stürzte und fiel, gleich einem geschlagenen Baum. Zwanzig Minuten ohne Kontrolle und ohne Fassung.

Damals.

Nicht gerechnet die unzähligen Male, an denen es während der Tage, unerwartete oder erfreut, über mich kommt. Über mich kommt ist falsch. Es kommt aus mir heraus. Worte der Entfernung: abgeschnitten und abgetrennt und herausgesaugt. Was bleibt fühlt sich dumpf an und hoffnungslos im ersten Augenblick. Dieses Gefühl kehrt immer wieder

240 Tage lang aufwachen, schlafen gehen, wieder aufwachen, matt durch den Tag, angeregt durch den Tag und in die Nacht hinein, manchmal, nicht verzweifelt, nur zweifelnd.

Und heute.

Die Wahrnehmung des Verlustes konkretisiert sich im Alltag der Unmöglichkeiten. Unmöglich, Infos zu wechseln, über etwas Bescheid zu sagen, diese kurzen Anrufe, um einen Termin klarzumachen, eine kurze Nachfrage zu starten, oder einfach nur eine Mitteilung. Dir, dir.

Unerwarteterweise verblassen Bild und Bilder kaum.

mit Füller geschrieben

Dieser Stift schreibt jetzt wieder sehr ordentlich. Wenn der Schreiber nun auch noch ordentlich schreibt, oder sich zumindest Mühe gibt, ist alles in Ordnung. Man kann mit diesem Füller gleichmäßig schreiben. Ich sollte das öfter tun, es würde meine Hände schulen. Auch ist es wichtig, um die Linienführung der Buchstaben nicht zu verlernen, sondern eher umgekehrt, nach den langen Abstinenzen, während derer ich Computertastaturen benutzte, sie wieder einzuüben und zu festigen. Ein weiterer Punkt ist das Eingewöhnen (oder die Wiederkehr) einer bestimmten Schreibgeschwindigkeit, die mit der persönlichen Denkgeschwindigkeit zusammengeht, eher zusammengeht jedenfalls, als wenn ich mit der Tastatur eine fürs Denken zu hohe Geschwindigkeit an den Tag lege

„Definitive Abschiedliga“ II

Das Sterben um einen herum nimmt spürbar zu. Politiker, Prominenz, Künstler, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler, es trifft Leute, die kaum älter wurden als man selbst gerade ist. Dass es meteoritenartig mal den einen oder anderen aus dem privaten oder dem öffentlichen Umfeld trifft, das ist normal. Irritierend ist die Häufung, die spürbare Häufung. Das bloße Wissen um die eigene Sterblichkeit wird auf eine neue Qualitätsstufe gehoben. Es rückt das Bewusstsein näher heran an den Punkt X, den Unweigerlichen. Und plötzlich gibt es einen Rest. Und der Rest ist wirklich ein Rest. Selbst, wenn man von Krankheiten verschont bleibt, irgendwann wird dieser Rest zur Neige gegangen sein. Die Nerven beginnen manchmal zu zittern. Das ist, weil man in eine Art Übergangszeit eingetaucht ist, über Nacht, in die Endphase, in der es dann gar nichts mehr zu zweifeln gibt. Dann wird man akzeptiert haben. Man bereitet sich auf den Abschied vor, und das lässt die Nerven zittern wie gespannte Saiten… Die Altersgesichter, in die sich die Freunde verwandeln sind untrügliche Anzeichen. Spuren in den Gesichtern, Wege des Lebens, Rillen, Kratzer, nicht im Spiegel sieht man sich plötzlich alt geworden, sondern es dauert immer länger, bis man sich selbst auf Jugendfotos wieder erkennt, wieder findet. Das soll ich gewesen sein? Wie habe ich mich damals gefühlt, wer war ich damals? Ja, wer war ich als ich das gewesen bin. Was ist die Essenz meines Wesens? Was ist das Wesentliche? Dem Wortkern entstammt gleichermaßen verwesen, wenn das Wesen verschwindet oder wenn das Wesentliche verschwindet.